100 Jahre Geilweilerhof: Rebenzüchtung im Fokus

PFALZ

Foto: Andrea Kerth

Der Tag der offenen Tür auf dem Geilweilerhof in Siebeldingen stand am letzten Augustsonntag ganz im Zeichen des großen Jubiläums: Denn das Julius Kühn-Institut (JKI) blickt im Jahr 2026 auf 100 Jahre erfolgreiche Rebenzüchtung am Geilweilerhof zurück. Die verheerenden Folgen für den europäischen Weinbau durch die Einschleppung der Reblaus und der Mehltaukrankheiten im 19. Jahrhundert führten zu einer intensiven Suche nach Lösungsmöglichkeiten. Die Züchtung neuer resistenter Rebsorten hat dabei eine Schlüsselposition.

Seit 1926 Rebenzucht- und Versuchsstation

Vor rund 100 Jahren übertrug Dr. August Ludowici als letzter privater Besitzer den Gutshof an den bayerischen Staat, mit der Auflage, eine Rebenzucht- und Versuchsstation einzurichten. Denn der Ziegeleibesitzer aus dem pfälzischen Jockgrim hatte nicht nur den Bau des bis heute sichtbaren markanten Turms in Auftrag gegeben, sondern sein profundes Wissen und Praxiserfahrungen im Weinbau und der Rebenzüchtung genutzt.
1926 wurde der Gutsbetrieb an die Landesbauernkammer der Pfalz verpachtet und die Anlagen für Rebenzüchtung und -forschung an die Außenstelle Neustadt, die damals zur Bayerischen Landesanstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau in Würzburg gehörte. Erster Leiter der Außenstelle Geilweilerhof war Landwirtschaftsrat Dr. Peter Morio. Nach wechselvollen Zeiten im Lauf des 20. Jahrhunderts führt mittlerweile das JKI das Vermächtnis von Dr. Ludowici fort, indem es heute am Standort in staatlichem Auftrag neue Rebsorten züchtet und dazu eine Genbank, Versuchsfeldflächen und Versuchsweinkeller betreibt. Zu den bekanntesten Sorten des Geilweilerhofs zählt der Regent.
Wissensparcours im Herrenhaus
Die verschiedenen Abteilungen informierten im historischen Herrenhaus über ihre Forschungsarbeit. Bei einem Mix aus Ausstellung und interaktiven Stationen gab“s Einblick in die Geschichte des Geilweilerhofs, die Grundlagen der Rebzüchung und unter anderem einen Überblick zur Gendatenbank und Dokumentation.
Viele Besucher stellten den Mitarbeitenden gezielte Fragen, informierten sich über die wichtigsten Rebkrankheiten von Esca bis Oidium oder warfen einen Blick in die Welt der Weinaromen und mehr. Wo rund um die Rebzüchtung auch digitale Techniken zum Einsatz kommen, zeigte die Station zum Phenobot, der als Fotobox für die Besucher diente. Mit fünf Kameras erfasste die Maschine ursprünglich die Merkmale der Rebstöcke (Phänotyp). Das ist umso wichtiger, weil die Merkmalserfassung eine Schlüsseltechnologie in der Rebzüchtung ist. Allerdings konnte der Phenobot nur bei Nacht und im Stand 0,06 Bilder pro Sekunde aufnehmen.
Phenoquad für Bonituren
Heute ist das Nachfolgemodell Phenoquad im Einsatz. „Unser Phenoquad läuft seit 2022“, erklärte Dr. Anna Kicherer, die den Arbeitsbereich Digitalisierung und Präzisionsweinbau leitet. „Es schafft mit seiner Fünf-Kanal-Kamera 10 Bilder pro Sekunde, während es mit bis zu 4 km/h durch die Zeile fährt. Das ist im Vergleich zu den Vorgänger-Modellen ein Riesenvorteil, wenn es um Bonituren und die Selektion geht.“
Piwi-Sorten verkosten und in der Zeile sehen
Natürlich gab“s auch Gelegenheit, die Weine aus den Neuzüchtungen des JKI zu probieren. Und ebenso konnte man sich direkt vor Ort die Sorten im Weinberg anschauen. „Die Sorte Calardis blanc bietet multiple Resistenzen gegenüber Echtem Mehltau, Falschem Mehltau sowie Schwarzfäule. Zu dieser Sorte bekommen wir gutes Feedback von Praktikern, die sie angelegt haben“, fasste Institutsleiter Prof. Dr. Oliver Trapp zusammen. ak