Blick in die Weinbau-Forschung

Ausschuss für Technik im Weinbau (ATW)

Foto: Bettina Sieé
Der Ausschuss für Technik im Weinbau (ATW) hatte zu seiner 73. Mitgliederversammlung in das neue Hörsaalgebäude der Hochschule Geisenheim eingeladen. ATW-­Vorsitzender Dr. Jürgen Dietrich moderierte die Veranstaltung, bei der die Forschenden ihre Ergebnisse diskutierten.
Mathias Zink, DLR Rheinpfalz in Neustadt a.d.W., berichtete von mit Heißwasser behandeltem bewurzeltem Rebenpflanzgut. Er stellte einen verzögerten Austrieb fest und beobachtete, dass der Zeitpunkt der Heißwasserbehandlung entscheidend ist. Frühestens sechs bis acht Wochen nach der Maßnahme kann gepflanzt werden, demnach sollte das Rebpflanzgut im Februar einer Heißwasserbehandlung unterzogen werden, wenn im April gepflanzt werden soll.
Weil die Heißwasserbehandlung der Rebe Wasser entzieht, wässerte Zink vor der Maßnahme, was sich nicht immer positiv auf das spätere Triebwachstum auswirkte. Das Gerät zur Heißwasserbehandlung kostet etwa 70.000 Euro, sodass bei 100.000 Reben ein Aufschlag von 14 Cent/Rebe notwendig ist.
Versuche zu optimierter Sprühgeräteeinstellung
Johannes Wendel, Hochschule Geisenheim University, stellte sein Vorhaben vor – zu Energieeinsparpotenzialen bei der Pflanzenschutzmittelapplikation durch optimierte Einstellungen in der Praxis. Zudem untersucht er neue Technologien. Bei reduzierter Zapfwellendrehzahl (540 U/min ist zu viel) und angepasstem Luftstrom kann der Energiebedarf der Sprühgeräte deutlich gesenkt werden.
Wasserrückhalt im Weinberg verbessern
Matthias Scheidweiler, Hochschule Geisenheim University, informierte über das Projekt WESPE, das Möglichkeiten des Wasserrückhalts eruiert und umsetzt. Es geht dabei um die Umgestaltung von Entwässerungsrinnen im Geisenheimer Fuchsberg. Daraus sind Schlüsse für andere Gemarkungen zu ziehen. Zusammen mit kommunalen Partnern sind Maßnahmen in der Weinbergsflur umsetzbar. Ziel ist, das Regenwasser in der Rebfläche zu halten, um Erosion zu vermeiden.
Ein Fokus liegt auf der Analyse und Umsetzung notwendiger Pflegearbeiten, die bei der Neugestaltung nach einem Rinnenrückbau entstehen. Im ersten Projektjahr wurde eine wichtige rechtliche Klarstellung erreicht: „Entwässerungsrinnen gelten nicht als Gewässer im Sinne einschlägiger Gesetzgebungen, sodass weder die Düngeverordnung noch spezielle Abstandsregelungen Anwendung finden“, erklärte Scheidweiler.
Pflanzenschutz in der Rebschule
Mathias Zink, DLR Rheinpfalz, erläuterte die Anpassung der neuen laubwandbezogenen Berechnung der Aufwandmenge von Pflanzenschutzmitteln für Rebschulen und Unterlagenschnittgärten mit Tischerziehung. Es wurde geprüft, ob eine Behandlung mit ökologischen Präparaten nach dem neuen Laubwandmodell auch für den Pflanzenschutz in Rebschulen möglich ist. Allerdings gab es im Versuchsjahr 2025 keine Infektionsbedingungen für den Flaschen Mehltau, sodass keine Bonitur möglich war. Bei der Behandlung von Oidium mit der ökologischen Spritzfolge konnte eine gute Befallsreduktion erzielt werden, die mit der tiefenwirksamen Variante vergleichbar war. Die Tischerziehung im Unterlagen-Muttergarten wurde mit einem modifizierten Pflanzenschutzgerät mit Radialgebläse behandelt. Dabei wurde eine ausreichende Belagsbildung im Bestand sowie auf der Tischunter- und der Tischoberseite erzielt.
Mit Druckluftentlauber das Lesegut verbessern
Daniel Regnery, DLR Mosel in Bernkastel-Kues, setzte im letzten Herbst in drei Rebsorten den Druckluftentlauber unmittelbar vor der Ernte ein, um faule Beeren zu entfernen und so das Lesegut zu verbessern. Bei Müller-Thurgau und Spätburgunder war kaum Fäulnis vorhanden. Bei Riesling lag erhebliche Fäulnis vor, wobei Essigfäule keine Rolle spielte. Visuell konnte eine minimale Verbesserung erreicht werden. Die endgültige Auswertung der Ergebnisse steht noch aus.
Auswirkungen von warmem Lesegut
Magali Blank, LVWO Weinsberg, befasst sich mit der Temperatur des Leseguts und den Konsequenzen für die Inhaltsstoffextraktion. Bei früher Lese im August, bei über 25 °C, sind die Trauben sehr warm. Hohe Lesegut- und Maischetemperaturen beeinflussen die Ex­traktion von Inhaltsstoffen vor allem Phenolen. Die Sensorik der Sorten verändert sich. Blank erprobt Möglichkeiten zur Maischekühlung, die bei 40 °C Umgebungstemperatur an Grenzen stößt. Die günstigste Alternative ist, den Lesezeitpunkt auf den frühen Morgen zu legen, um die kühlere Nacht zu nutzen.
Gärsalze können Hefen mit Stickstoff versorgen
Dr. Ramon Heidinger, WBI, Freiburg, testete die Anwendung innovativer Gärsalze, welche die Stickstoffversorgung der Hefen während der Gärung sicherstellen, einen Zusatznutzen haben und den Eintrag von Anionen (Phosphat und Sulfat) in weinfremden Konzentrationen vermeiden. Heidinger vergleicht die Gärsalze Ammoniumcarbonat, Ammoniumtartrat, Ammoniummalat, Ammoniumlactat, Ammoniumcitrat, Ammonium­fumarat sowie DAP und DAS als Referenz-Gärsalze. Ammonium­ carbonat wird als Treibmittel zum Backen genutzt und ist in Nahrungsmittelqualität kostengünstig erhältlich. 2024 stellte Heidinger keine signifikanten Unterschiede der Gärverläufe fest und auch bei der Weinanalyse gab es keine größeren Abweichungen.
Schaumweinherstellung durch eine einzige Gärung
Matthias Schmitt, Hochschule Geisenheim University, erprobt die Schaumweinherstellung auf Basis einer (einzigen) Gärung. Vergleichende Versuche zeigten stärkere Aromaverluste durch frühe Lese als durch den technischen Eingriff beim Wein, um bei später Lese den Alkoholgehalt zu reduzieren. Schmitt sieht großes Potenzial, die Schaumweinqualität zu steigern oder zu erhalten. Eine Gärung zur Schaumwein­erzeugung ermöglicht Lesegut mit 90 °Oe.
Anpassungsstrategien an Klimawandel
Christine Kleber, DLR Rheinpfalz, Neustadt a.d.W., testete verschiedene Entblätterungsintensitäten, um die Traubentemperatur und so die qualitätsgebenden Inhaltsstoffe bei Riesling, Chardonnay und Merlot zu beeinflussen.
Ziel ist, Handlungsempfehlungen für die Praxis auszuarbeiten, um den wetterbedingten Veränderungen begegnen zu können. Neben der etablierten Entblätterung der Traubenzone zur Gesunderhaltung und Qualitätssteigerung der Trauben, kann eine angepasste Entblätterungsintensität kombiniert mit dem Einsatz reflektierender Mittel für nahezu alle Bereiche der Qualitätsweinbereitung ökonomisch und arbeitswirtschaftlich realisiert werden.
Der Tag klang am Abend mit einer fachlichen Weinprobe und einem regen Austausch der Experten aus.
Vorstandswahlen und künftige ATW-Projekte
Am nächsten Morgen fand die 73. Mitgliederversammlung des ATW statt. Dem ATW standen im Jahr 2025 für fünf Forschungsvorhaben 32.000 Euro und für fünf neue Projekte 21.800 Euro zur Verfügung. Zur Fördersumme trugen Baden-­Württemberg mit 20.000 Euro, Bayern mit 5.113 Euro, Hessen mit 7.700 Euro und Rheinland-­Pfalz mit 21.000 Euro bei. Nach der Entlastung des Vorstandes wählten die Mitglieder erneut Dr. Jürgen Dietrich zum ersten und Prof. Dr. Rainer Jung zum dritten ATW-Vorsitzenden.
Forschungsvorhaben im Jahr 2026
Der zweite Tagungstag hatte künftige Projekte im Blick. Dabei geht es immer um Optimierung im Weinberg und Keller. Da der CO2-Abdruck im Weinbau vor allem durch die Glasflasche hochgetrieben wird, testet Prof. Dr. Rainer Jung alter­native Verpackungen. Matthias Zink erprobt am DLR Rheinpfalz Alternativen zum Torfeinsatz in der Rebveredlung. Am DLR Mosel wird weiter mit dem Druckluftentlauber gegen flüchtige Säure vorgegangen. Ein weiteres Projekt befasst sich mit der Arbeitswirtschaft zur Rebchirurgie.
Dr. Matthias Porten, DLR Mosel, informierte zur Vitis Live, einer Technikvorführung, die am 1. und 2. Juli 2026 am Sportplatz Piesport an der Mosel stattfinden wird. Die Firmen der Weinbautechnik haben derzeit enorme Umsatzeinbußen zu verkraften. Es werden Rundführungen über das Gelände angeboten, sodass alle Stände eingebunden sind. Ein Schwerpunkt liegt bei autonom arbeitenden Geräten und Drohnen. Busse aus den Anbaugebieten erleichtern die Anfahrt zur Veranstaltung.
Zum Abschluss der ATW-Tagung besichtigten die Teilnehmenden das Weingut Schloss Johannisberg. bs