Forschung und Praxis im Schulterschluss

Internationales Piwi-Symposium 2026

Merzhausen bei Freiburg im Breisgau wurde am 24. und 25. März 2026 zum Schauplatz einer Branche im Wandel. Der Weinbau sieht sich mit neuen und wiederkehrenden Krankheiten konfrontiert, während gleichzeitig der gesellschaftliche Anspruch an nachhaltige Produktionsweisen wächst. Pilzwiderstandsfähige Rebsorten gewinnen rasant an Bedeutung und gelten vielen Genossenschaften, Weingütern sowie Verbrauchern als entscheidender Baustein für einen ressourcenschonenden und zukunftsfähigen Weinbau.
Das Piwi-Symposium 2026 trug dieser Dynamik Rechnung und brachte zwei Tage lang Fachleute aus Wissenschaft, Züchtung, Beratung und Praxis zusammen, um aktuelle Entwicklungen, Forschungsergebnisse und Erfahrungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu bündeln und Impulse für die Zukunft des Weinbaus zu setzen.
Am ersten Tag des Sympo­siums standen Züchtung, Pflanzenschutz und Weinbau im Mittelpunkt. Eröffnet wurde das Symposium von Dr. Bettina Frank-Renz, Leiterin des Staatlichen Weinbauinstituts (WBI)Freiburg, Peter Hauk, Minister für Ernährung, Ländlicher Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg, und Dr. John Barker, Generaldirektor der Internationalen Organisation für Rebe und Wein sowie Dr. Wolfgang Patzwahl, Präsident von Piwi-International.
Klimawandel verändert Forderungen an Züchtung
Dr. Komlan Avia vom Nationalen Forschungsinstitut für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt (INRAe) aus Colmar skizzierte den Stand der Entwicklung krankheitsresistenter Rebsorten und machte deutlich, wie stark sich die Anforderungen an die Züchtung durch den Klimawandel verändert haben. Allein in Frankreich laufen inzwischen zwölf regionale Kreuzungsprogramme, die auf robuste Sorten setzen. Studien belegen, dass sich der Pflanzenschutzeinsatz durch Piwis um bis zu 80 % reduzieren lässt. Dennoch warnte er davor, die Sorten als Selbstläufer zu betrachten. Sie müssten zum Schutz der Resistenzen auch mit Pflanzenschutzmitteln behandelt werden. Das internationale Projekt GrapeBreed4IPM widmet sich diesen Herausforderungen.
Zunehmende Bedeutung der Schwarzfäule bei Piwis
Dr. Daniel Molitor, vom Luxem­burgischen Institut für Forschung und Technologie, beleuchtete die zunehmende Bedeutung der Schwarzfäule im Piwi-Anbau. Die Anfälligkeit variiert je nach Sorte und kann zu hohen Ertragseinbußen führen. Da der pilzliche Schaderreger vor allem in Drie­schen vorkommt, sind deren Beseitigung sowie abtrocknungsfördernde Bestandspflege zentrale Maßnahmen. Ergänzend helfen die konsequente Entfernung befallener Reb­organe und der Einsatz von Prognosesystemen wie VitiMeteo, um die Krankheit in Schach zu halten. Da sich der Bekämpfungszeitraum mit dem von Echtem und Falschem Mehltau überschneidet, ist eine kombinierte Strategie möglich.
Kreuzungsprogramm der Edmund-Mach-Stiftung
Nach einer Pause mit viel Raum für Austausch folgte ein Beitrag von Dr. Silvia Vezzulli aus Italien, die das Kreuzungsprogramm der Edmund-Mach-­Stiftung vorstellte. Im Fokus stehen Resistenzen gegen Falschen Mehltau, Echten Mehltau und Schwarzfäule. Ziel ist die Pyramidisierung, also die Kombination mehrerer Resistenzmerkmale in einer Sorte.
Prognosesystem Viti­Meteo weiterentwickelt
Zum Abschluss referierte Dr. Stefan Schumacher vom WBI Freiburg zur Weiterentwicklung des Prognosesystems Viti­Meteo. Langjährige Labor-, Gewächshaus- und Freilandversuche aus den Projekten VITIFIT und WiVitis bildeten die Grundlage für das neue ­Piwi-Tool, das sortenspezifische Prognosen für den Falschen Mehltau und in Zukunft auch für den Echten Mehltau ermöglicht. Dieses Tool trägt der Tatsache Rechnung, dass das für die Piwis benötigte Mindestmaß an Pflanzenschutz durchgeführt wird, um die Resistenz der Sorten langfristig zu erhalten und um Anpassungen der Pilze zu unterbinden. Der Abend klang mit einer offenen Weinprobe und vielen Gesprächen aus, die Gelegenheit boten, die Eindrücke des Tages zu vertiefen.
Der zweite Symposiumstag begann mit Grußworten von Andreas Dilger, Vorsitzender von Piwi Deutschland. Dann berichtete Dr. Tomas Roman Villegas, wie sich Piwi-Sorten aus oenologischer Sicht optimal ausbauen lassen. Eine ­hypothetische neue Rebsorte sollte idealerweise einen nie­drigeren pH-Wert und eine ausgeprägtere Säurestruktur aufweisen, meint Villegas. Ziel seiner Arbeit ist es, für unterschiedliche Piwi-Sorten oenologische Arbeitsabläufe zu entwickeln, um den Kellermeistern eine zielgerichtete Arbeit zu ermöglichen.
Fabio Fehrenbach und Dr. Nicole Nemetz präsentierten Ergebnisse ihrer Untersuchungen zu Polyphenolen in Weiß- und Rotweinen. Sie zeigten, dass Catechine und andere Flavonoide, die im Weißwein zu Bittertönen führen können, durch Oxidation und eine sorgfältige Vorklärung ungeschwefelter Moste reduziert werden können. Während bei klassischen Sorten ein starker Krankheitsbefall häufig zu erhöhten Catechingehalt führt, bleiben die Werte bei Piwi-Sorten selbst unter Befallsdruck vergleichsweise niedrig. Bei Rotweinen rückte Dr. Nemetz die Rolle der Anthocyane in den Fokus, die maßgeblich für die Farbintensität verantwortlich sind.
Sie stellte die Bildung von Anthocyan-Tannin-Komplexen als möglichen Ansatz vor, um Farbverluste über die Zeit zu minimieren. Für Sorten mit geringeren Anthocyan- und Tanningehalten empfahl sie die Kaltmazeration, die die Extraktion farb- und aromarelevanter Inhaltsstoffe aus den Beerenschalen deutlich steigert.
Vermarktung von Piwi-Weinen
Einen praxisnahen Blick auf die Vermarktung von Piwi-Weinen bot Philipp Rottmann vom ­Piwi-Kollektiv, der seine Marke „NOU“ als Beispiel für eine erfolgreiche Marktpositionierung vorstellte. Um die Marke zu stärken, unterstützt das Piwi-Kollektiv bei der Umstellung auf Piwi-Sorten, um Flächen in die Vermarktung der Marke „NOU“ zu integrieren.
Einführung von Mehrweg­flaschen im Weinsektor
Zum Schluss gab Katharina Kleiner, vom Weincampus Neustadt, Einblicke in ein EIP-
Projekt zur Einführung von Mehrwegflaschen im Weinsektor. Während der Mehrweganteil bei Bier und Säften seit 2000 leicht steigt, ist er bei Wasser, Erfrischungsgetränken und Wein rückläufig – wobei Mehrwegflaschen für Wein erst seit 2014 verfügbar sind. Das Projekt identifizierte zentrale Hürden für die Etablierung eines funktionierenden Mehrweg­systems, darunter die Sichtbarkeit und Platzierung im Einzelhandel. Gleichzeitig zeigte sich, dass die Bereitschaft der Kunden, nachhaltigere Verpackungen zu bevorzugen, grundsätzlich hoch ist.
Ernst Weinmann, vom Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg, fasste die fachlichen Inhalte des Symposiums zusammen und hob die Wichtigkeit solcher Veranstaltungen hervor, da die Zusammenarbeit von Forschung und Praxis unumgänglich ist. Das Sympo­sium zeigte deutlich, dass man nur durch die Betrachtung der Kategorien Rebzüchtung, Weinbau, Oenologie, Vermarktung und Nachhaltigkeit für eine effektive Etablierung pilzwiderstandsfähiger Rebsorten sorgen kann. Dr. Katharina Zug, WBI Freiburg