Am 29. September 2026 fand im Europäischen Parlament in Brüssel eine Veranstaltung zum Thema „Gesundheitsdebatten: Kann Wein Teil eines gesunden Lebensstils sein?“ statt. Die Diskussion wird immer wichtiger in Zeiten, in denen man das Glas Wein als Verursacher von Krebs und anderen Erkrankungen sieht. Was sagt die Wissenschaft, die Basis für Gesundheitspolitik sein sollte? Zu dieser Diskussionsrunde trafen sich politische Entscheidungsträger, Wissenschaftler und Vertreter des EU-Weinsektors.
Moderiert hat die Veranstaltung EU-Abgeordneter Dario Nardella (S&D, Italien), Fraktion der Sozialdemokraten und Koordinator des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung (AGRI). Die deutschen Weinexporteure (VDW) und den Deutschen Weinbauverband (DWV) vertraten deren Geschäftsführer Christian Schwörer.
Wein beinhaltet Alkohol und zu viel davon ist schädlich, da sind sich Politik, Wissenschaft und Wirtschaft einig. Auch dass Schwangere und Kinder keinen Alkohol zu sich nehmen sollten, ist nicht diskutabel. Für Wein scheint die Weisheit, dass die Dosis das Gift macht, besonders zutreffend. Wein ist Teil eines Lebensstils, dessen Wirkung im Kontext von Ernährung, Trinkgewohnheiten, sozialen Gegebenheiten und Lebensstil betrachtet werden muss.
Nichts spricht gegen moderaten Weingenuss
Das Fazit vorweg: Für gesunde Erwachsene, die ein oder zwei Gläser Wein zum Essen trinken, gibt es keinen wissenschaftlichen Grund, dies aufzugeben. Ebenso gilt, dass es keine wissenschaftliche Evidenz für eine Krebserkrankung bei moderatem Weinkonsum gibt. Die wissenschaftliche Diskussion beschrieb Dr. Gianni Pes, der leitende Forscher an der Universität Sassari und ein Pionier der Blue Zones-Forschung.
Blue Zones sind fünf weltweite Regionen, in denen Menschen überdurchschnittlich oft über 100 Jahre alt werden und gesund bleiben. Es gäbe keinen einzelnen Faktor für ungewöhnliche Langlebigkeit in diesen Zonen der Welt, zu denen auch Sardinien gehöre. Sie gründet in einer Lebensweise: täglich körperliche Aktivität, traditionelle Speisen, starke Familien- und Gemeinschaftsbindungen, soziale Interaktion und Geselligkeit. Wein war traditionell Teil dieses Lebensstils, meist moderat und mit Speisen konsumiert.
Wissenschaft passt nicht in einfache Muster
Prof. Attilio Giacosa, Gastroenterologe und Präsident des Istituto per la Ricerca su Vino, Alimentazione e Salute (IRVAS), wies auf die Verantwortung der Wissenschaft hin: „Wissenschaft verlangt von uns, mit Komplexität umzugehen, anstatt die Diskussion auf vereinfachte Ansätze zu reduzieren. Wissenschaftler sollten sicherstellen, dass öffentliche Informationen und Politik die Beweise in ihrer Komplexität widerspiegeln.“
Der Abgeordnete Dario Nardella betonte die Notwendigkeit, dass Gesundheitsprävention evidenzbasierte Politikgestaltung brauche. Auch die Anerkennung der europäischen landwirtschaftlichen und kulturellen Traditionen müsse im Auge behalten werden. Der Schutz der öffentlichen Gesundheit muss eine unserer zentralen politischen Aufgaben bleiben.
Präventionspolitik muss auf wissenschaftlicher Grundlage verankert sein und die Komplexität von Lebensstilen, Ernährungsweisen und Verhaltensweisen anerkennen. Wein ist zentraler Bestandteil des landwirtschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Erbes Europas. „Unsere Verantwortung ist es, die wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Politik einzubinden, die Bürger schützen und die Realitäten unserer ländlichen Gemeinden und Kultur anerkennen und schützen“, so Nardella. DWA