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Mosel: Qualifizierungsbaustein Rebschnitt

Foto: Matthias Porten
Wenn es um die regionale Arbeitsmarktsituation in ländlichen Gebieten geht, wird allerorten die große Zahl unbesetzter betrieblicher Ausbildungsstellen beklagt. Dabei zeigen sich erhebliche branchenspezifische Unterschiede. Während kaufmännische Berufe oder die Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker nach wie vor hoch im Kurs von Schulabgängern stehen, geraten neben anderen gerade die sogenannten „grünen Berufe“ immer mehr aus dem Blickwinkel junger Menschen. Und das, obwohl sich auch hier die Perspektiven in Bezug auf Verdienst- und Karrieremöglichkeiten seit Jahren stetig verbessern. Bei diesem Berufszweig kündigt sich somit mittelfristig ein besonders dramatischer Fachkräftemangel an. Dass dies nicht nur, wie oftmals beschworen, dem demografischen Wandel anzulasten ist, bestätigen die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit, die in der Gesamtschau klar aufzeigen, dass einerseits eine wachsende Zahl von Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben, andererseits aber auch viele grundsätzlich ausbildungswillige Jugendliche ohne Stelle bleiben und somit über verschiedenste Maßnahmen versorgt werden müssen. Im Juli 2013, also kurz vor Beginn des Ausbildungsstartes, meldete die Agentur für Arbeit in der Region Trier etwa1 000 unversorgte ausbildungswillige Jugendliche und gleichzeitig etwa 1 200 offene Ausbildungsstellen. Angebot und Nachfrage klaffen offenbar stark auseinander und die Anzahl der als nicht ausbildungsfähig geltenden Schüler spielt bei diesem Missverhältnis offensichtlich eine enorme Rolle. Erschwerend kommt hinzu, dass die Attraktivität oder das Image von bestimmten Berufen nicht ausreichen, um junge Menschen in hinreichender Zahl zu diesen Berufsbildern hin zu ziehen.

Vorbehaltene Nischen
Die Ausbildungsberufe Winzer und Landwirt galten in der Vergangenheit ohnehin als mehr oder weniger dem eigenen Nachwuchs aus Familienbetrieben vorbehaltene Nischen – auch im Sinne der betrieblichen Übernahmeplanung. Durch den Strukturwandel und den damit ständig wachsenden Bedarf an qualifizierten Fremdarbeitskräften hat sich diese Situation stark verändert, sodass in den letzten Jahren bereits viele „Externe“ und „Seiteneinsteiger“ in den Berufsschulklassen zu finden sind. Dennoch reicht die Schülerzahl immer noch nicht aus, den Fachkräftebedarf der Zukunft annähernd abzudecken.
Insofern sind Überlegungen und Konzepte gefragt, die jungen Menschen Gelegenheit geben, die Ausbildungsberufe in ihrer Region so kennenzulernen, dass sie sich ein objektives Bild von den Tätigkeiten und den Perspektiven machen können und nicht durch das allgemeine Image eines Berufsfeldes davon abgeschreckt werden, ein Ausbildungsverhältnis in der Branche der „grünen Berufe“ aufzunehmen.
 
Sensibilisierung für den Beruf
Ein erfolgreiches Konzept zur Sensibilisierung von Jugendlichen gegenüber dem Ausbildungsberuf Winzer wurde im letzten Schuljahr an der Berufsbildenden Schule in Bernkastel-Kues in enger Zusammenarbeit mit dem Steillagenzentrum Bernkastel-Kues (DLR Mosel) und dem Maschinenring Trier-Wittlich e.V. implementiert. Zum zweiten Mal in Folge wurde einer Klasse des Berufsvorbereitungsjahres (BVJ) das Angebot unterbreitet, neben anderen Fachpraxisrichtungen auch die der Agrarwirtschaft mit besonderem Fokus auf Weinbau zu ergreifen. Das Konzept sah vor, dass die Schüler pro Woche sechs Stunden berufsbezogenen Unterricht im Bereich Agrarwirtschaft/Weinbau absolvierten und an einem festen Praktikumstag das weinbauliche Jahr im Betrieb erlebten. Parallel dazu gab es die Möglichkeit, auch andere Branchen als mögliche Ausbildungsfelder kennenzulernen, da für keinen der Beteiligten der Weinbau oder andere grüne Berufe zunächst eine echte Option war. Die „Erlebniswelt“ Familienbetrieb, mit ihren professionellen und technologischen Strukturen in den Bereichen Weinbau, Kellerwirtschaft und Vermarktung sowie die Verzahnung mit dem berufsbezogenen Unterricht in der Schule, konnte sehr schnell viele Klischees und Irrtümer bezüglich des Berufsstandes ausräumen. Damit entwickelten die meisten Schüler sehr bald große Motivation und Interesse für den Beruf und einige konnten sogar eine echte Ausbildungsoption darin vorfinden.
 
Qualifizierungsbaustein
Ein besonderer Motivationsanreiz erhielten die Schüler durch die Möglichkeit den auf Grundlage der BABVO (Berufsvorbereitungs-Bescheinigungsverordnung) von der Landwirtschaftskammer RLP genehmigten Qualifizierungsbaustein Rebschnitt (Schneiden, Biegen und Binden von Reben in der Drahtrahmenanlage) erwerben zu können. Dieser Baustein umfasst das folgende Qualifizierungsziel:
„Der/die Teilnehmer/in kann in der Drahtrahmenanlage den Bogrebenschnitt unter Berücksichtigung des jeweiligen Anschnittniveaus durchführen, die Fruchtruten biegen und binden und die Drahtrahmenanlage instand halten“.
Damit zertifiziert dieser Qualifizierungsbaustein eine Teilqualifikation aus dem Ausbildungsrahmenplanes des Winzers. Der zeitliche Umfang des Bausteines sieht 300 Unterrichtsstunden vor, von denen 100 auf die Fachtheorie und 200 auf die Fachpraxis entfallen. Am Ende muss eine praktische und schriftliche Prüfung bewältigt werden. Der fachtheoretische Unterricht fand an der BBS in Bernkastel-Kues statt, und dies in enger Verzahnung mit dem fachpraktischen Teil, der sich aus einem festen Praktikumstag pro Woche und einem abschließenden zehntägigen Blockpraktikum im Februar 2014 zusammensetzte.
Insgesamt stellten sich neun  Schülerinnen und Schüler der Herausforderung des Qualifizierungsbausteines. Neben der schulischen Vorbereitung war die Begleitung und Betreuung durch die Praktikumsbetriebe und durch das Steillagenzentrum und den Maschinenring eine wesentliche Voraussetzung, dass möglichst Viele am Ende tatsächlich auch erfolgreich sein würden. Dazu wurden Top-Ausbildungsbetriebe der Region als Praktikumsbetriebe ausgewählt. Der Erfolg stellte sich mit einer beeindruckend hohen Quote ein: Acht Schülern konnte nach Erbringung aller fachpraktischer und  theoretischer Leistungen eine erfolgreiche Teilnahme zertifiziert werden. Diesen Schülern wurde am 18. Juni 2014 eine besondere Wertschätzung zuteil, als in einer Feierstunde im Weingut Trossen in Traben-Trarbach die Zertifikate im Beisein aller Praktikumsbetriebe, des kompletten Vorstandes des MBR, eines Vertreters der Bundesagentur für Arbeit und der Dienststellenleiter des Steillagenzentrums und der BBS Bernkastel-Kues überreicht wurden.
Ausbildungsstellen gefunden
Besonders erfreulich dabei war die Information der Projektverantwortlichen Stefan Lehnertz (BBS Bernkastel-Kues), Matthias Porten (DLR Mosel) und Martin Müllers (MBR) für die Anwesenden, dass von den acht erfolgreichen Schülern bis auf eine Ausnahme alle am Ende des Schuljahres über eine Ausbildungsstelle verfügen, davon sogar fünf in agrarwirtschaftlichen Berufen (viermal Weinbau, einmal Landwirtschaft).
Die Besonderheit im Bildungsgang BVJ liegt darin, dass die Schüler nach der regulären Schulzeit (neun Jahre) noch keinen Berufsreife-Abschluss erworben haben (fehlende Ausbildungsreife). Die Hintergründe für diese scheinbare Erfolgslosigkeit können sehr vielfältig sein. Oftmals liegen Lernschwächen zugrunde, häufig haben aber auch schulische und außerschulische Enttäuschungen und Misserfolge im Laufe der bisherigen Schulbiografie zu sozial-emotionalen Verwerfungen geführt, die eine große Schuldistanz der Betroffenen mit sich brachten. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigten jedoch, dass durch eine enge schulsozialpädagogische Begleitung der Jugendlichen und die Anbahnung von Erfolgsmomenten zum Beispiel durch positive und wertschätzende Erlebnisse in der betrieblichen Praxis viele Ressourcen aktiviert werden und somit neue Motivation für arbeitsweltorientiertes Lernen geschöpft werden kann. In der Vergangenheit wurden benachteiligte Jugendliche vielleicht zu schnell als nicht für die „normale“ betriebliche Ausbildung geeignet abgelehnt und der Übergang in die Beschäftigung wurde verbaut.
 
Fazit
In Zeiten voraneilenden Fachkräftemangels erscheint es dringend notwendig, in Schule, Aus- und Weiterbildung differenzierter und mit Fokus auf Stärkenorientierung hinzuschauen, um möglichst vielen Menschen mit Benachteiligung, sei es im kognitiven oder im sozial-emotionalen Bereich, eine echte Chance dort zu geben, wo sie auch benötigt werden. Und dies möglichst auf dem ersten Arbeitsmarkt. Dies wäre in der Tat ein echter und wie das Bernkastel-Kueser Modell zeigt, ein machbarer Beitrag zur Inklusion.
Matthias Porten
Stefan Lehnertz