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Wein und Architektur 2.0: Symposium zur Weinarchitektur in Fellbach

Weingut Neef-Emmich, Bermersheim
Foto: Frank Kistner
Wein, Tourismus und Architektur, ein Dreiklang, der inzwischen fast schon selbstverständlich ist. Das war nicht immer so. „Wein und Architektur“, das war vor rund zehn Jahren, als die beiden Architektenkammern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zunächst unabhängig voneinander und dann immer wieder in Kooperation das Themenfeld für sich entdeckt haben, eine durchaus ungewöhnliche, ja erklärungsbedürftige Kombination. Heute, nachdem eine ganze Reihe von Symposien und Fachveranstaltungen für Winzer und Architekten stattgefunden haben, drei Architekturpreise Wein deutschlandweit ausgelobt und mit beachtlicher Resonanz verliehen wurden, die Weinbaueinrichtungen in Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz das Thema eifrig propagieren und vor allem auch viel und gut gebaut wurde, hat das Thema zwar sein anfängliches Irritationspotenzial, nicht aber seine Attraktivität verloren. Ganz im Gegenteil.
 
Kunde. Gast. Tourist
Wie viel Entwicklungschancen noch immer im Thema stecken, hat im September gerade wieder das Symposium Kunde. Gast. Tourist _ Architektur. Wein. Genuss! gezeigt. Die Architektenkammer Baden-Württemberg, das Staatsweingut Weinsberg und die Stadt Fellbach hatten am 16. September in die Alte Kelter nach Fellbach eingeladen. Einen Ort, den man sich passender kaum hätte denken können: In der traditionsreichen Weinbaugemeinde vor den Toren Stuttgarts überspannt ein filigranes Dachgebälk mehr als 3 000 Quadratmeter Veranstaltungsfläche in der Alten Kelter. Die 1906 errichtete, damals größte deutsche Gemeindekelter ist selbst ein zwar historisches, dennoch aber beeindruckendes Beispiel von Weinbauarchitektur. Dabei kommt der zunächst sehr funktional angelegte, in bester Handwerkstradition ausgeführte Bau sehr nüchtern daher, beeindruckt aber mit einem freien Blick bis in den riesigen, offenen hölzernen Dachstuhl. Wie robust und auch für neue Aufgaben tauglich eine gute Architektur sein kann, beweist die nach langem Leerstand gründlich sanierte und heute als Veranstaltungshaus einer vielfältigen kulturellen Nutzung dienende Kelter anschaulich.

Qualität zahlt sich aus
Dass sich Qualität in der Architektur auch und gerade für Winzer auszahlt, war eine der Kernbotschaften des international besetzten Symposiums in Fellbach. Winzer und Architekten aus Südtirol, vom Kaiserstuhl, aus Rheinhessen und der Pfalz teilten ihre vielfältigen Erfahrungen mit den Tagungsteilnehmern: „Unser Weingut zählte bereits beim ‚Tag der Architektur‘ zu den ausgewählten Projekten. Seither haben wir viel positive Resonanz von den Besuchern und Kunden erhalten. Geschätzt wird die Verbindung der alten Tradition einer Kuhkapelle mit dem modernen, schlichten Ausbau“, so Antje Stamm vom Weingut Neef-
Emmich im rheinhessischen Bermersheim. Das Weingut wurde beim Architekturpreis Wein 2013 mit einem von insgesamt vier Preisen für die Einrichtung einer kleinen Vinothek im kreuzgewöbten Kuhstall, einer typisch rheinhessischen „Kuhkapelle“, ausgezeichnet. Seither, so berichtet die Inhaberin des Familienbetriebes, hat sich einiges im Weingut verändert. Mit der neuen Vinothek kamen neue Kunden und viel mediales Echo. Der Ausbau der Vinothek reihte sich dabei für sie und ihren Mann in ein seit der Betriebsübernahme konsequent verfolgtes Qualitätskonzept, bei dem zunächst in Keller und Weinausbau investiert wurde. Dann kam der Verkostungsraum, nun stehen mit den Freiflächen weitere Maßnahmen an. Ein erstarkender Weintourismus sorgt in Bermersheim für die richtige Kundschaft.

Freiräume nutzen
Mit angeschlossenem Hotel, einer Vinothek, dem Restaurant und dem Tagungshaus orientiert sich auch das Weingut von Winning aus dem pfälzischen Deidesheim am (Wein)Tourismus. Investitionen der Niederberger Unternehmensgruppe, die drei der ganz großen Deidesheimer Weingüter vereint, zielen nicht alleine auf Neubau und Sanierung der Gebäude, sondern haben auch die historische Anlage des Kaisergartens einbezogen. Landschaftsarchitekt Bernd Hofmann, hofmann und röttgen landschaftsarchitekten, stellte in Fellbach das ebenfalls beim Architekturpreis Wein 2013 mit einer Auszeichnung gewürdigte Freiraumkonzept vor.
2009 und 2010 wurde das Weingut von Winning umfassend saniert und umgestaltet. Im Zentrum der Arbeiten, die von Beginn an durch die beiden beteiligten Büros der Architektur und der Landschaftsarchitektur ganzheitlich gedacht und geplant wurden, stand die Umgestaltung der ehemaligen Wirtschaftsgebäude zum Restaurant Leopold und zu einer Vinothek.
Auch die Außenanlagen erfuhren eine durchgreifende Überarbeitung. Der verwilderte Park und die Grotte wurden freigelegt und saniert. Der Gastronomie dienen nun der Platanenhof und eine Terrasse am Teich mit Bachlauf zur Bewirtschaftung. Ein weiterer Sitzplatz am Wasser verbindet den Platanenhof mit dem sogenannten Kaisergarten, einem kleinen Park aus dem 19. Jahrhundert. Der Kaiserpark war über Jahre ungenutzt und verwilderte zusehends. Nach dem Auslichten wurde der Park stilgerecht mit Stauden neu angelegt. Die denkmalgeschützte Grotte, gebaut aus in Kalk getauchten Schlehenwurzeln, wurde restauriert. Ein kaskadenförmiger Bachlauf aus regionalem Sandstein mündet in den Teich vor der Terrasse des Restaurants.

Ohne geht es nicht? Weinsafaris und Smartphone-Apps
So unterschiedlich diese beiden und die übrigen der vorgestellten Projekte, wie das Weingut Fritz Keller Schwarzer Adler aus Vogtsburg-Oberbergen vom Kaiserstuhl oder das Designhotel Panorama aus dem Südtiroler Kaltern, das als braves Hotel garni von den Großeltern der heutigen Jungchefin Verena Huf begonnen wurde, bis hin zu vielen Projekten des Architekturbüros bergmeisterwolf aus Brixen, die die Architektin Michaela Wolf vorstellte, sind, immer zielen sie auf eine reiselustige und erlebnishungrige Kundschaft ab, die den Weingenuss mindestens mit einer kleinen Gastronomie, gerne aber mit einem Kurz-Urlaub verbindet. Wer von den Bauherren nicht selbst Übernachtungsmöglichkeiten oder eine Gastronomie anbietet und so seine Wertschöpfungskette verlängert, der adressiert zumindest diejenigen, die sich als Urlaubsgäste in der Region aufhalten.
Die Gäste wollen umworben sein. Kalterer Winzer bieten beispielsweise Weinsafaris für die Urlauber am See an. Chauffiert in einem Kleinbus können die Gäste entspannt hervorragende Lagen, Keller, Vinotheken erleben und Wein probieren. Um ihren Führerschein müssen sie sich dabei keine Sorgen machen und auch nicht um den Transport der gekauften Weine: Gäste und Einkauf werden im Kleinbus zuverlässig und bequem bis zum Hotel gebracht.
 
Weingut von Winning, Deidesheim
Foto: Bernd Hofmann
Weiterdenken

Den Schritt vom Kunden zum Gast, vom Wein zum Tourismus, haben viele Winzer in den vergangenen Jahren erfolgreich gemacht – fast immer haben sie dabei in zeitgenössische Architektur investiert. Wirklich runde Angebote, das zeigt wieder einmal der Alpenraum, kommen für die Gäste aber erst dann zustande, wenn die Angebote zusammenwachsen. Wenn die Gastronomen, die Hotelliers und auch die Kommunen mitziehen. Vernetzte Angebote bedienen die unterschiedlichen Bedürfnisse von Familien, jungen Menschen und Best-Agern. Sie machen eine Urlaubsregion attraktiv, verlocken zum Wiederkommen oder Weiterempfehlen. Dazu gehören Wanderwege unterschiedlicher Anspruchsniveaus und spektakuläre Aussichtsbauwerke ebenso, wie Kultur- und Freitzeitangebote und Formate, die den Wein und seine Geschichte erlebbar machen. Das reicht vom einfachen Schild über anspruchsvoll gestaltete Markierungen und Informationspunkte bis zur digitalen Schnitzeljagd namens Geocaching im Weinberg oder einer „augmented reality“, die Rebsorteninformationen und Lagengeschichte, Winzererzählungen und historische Bilder über`s Smartphone auf Abruf in die Landschaften bringt, in der man sich gerade bewegt.
 
WeGenuss am Platz, Burgeis
Foto: Juergen Hill
Was der Tourismus vom Wein lernen kann

„Tourismus und Architektur“ will die Idee von „Wein und Architektur“ in die Welt der touristischen Infrastruktur übersetzen. Zu tun gibt es genug. So schätzt beispielsweise der DEHOGA Rheinland-Pfalz, dass mehr als die Hälfte der Mitgliedsbetriebe in den kommenden Jahren vor der Nachfolgefrage stehen. In vielen dieser Betriebe wurde lange nicht oder unzureichend investiert. Der Aufbruch in eine neue Ära wird ohne einen gehörigen Innovationsschub auch bei den Gebäuden kaum zu schaffen sein. Urlaubsregionen wie Österreich, die Schweiz oder Südtirol, aber auch Schwarzwald, Allgäu und Mecklenburg-Vorpommern legen in Sachen Vergleichsmaßstab anspruchsvoll vor. Wohin die Reise geht, wird sich für viele Gäste auch daran bemessen, wie zeitgemäß-bequem, qualitätsvoll-regional und authentisch das Urlaubserlebnis hier oder dort werden kann. Alleine auf die Attraktivität von Wingert und Keller kann sich indessen niemand mehr verlassen, der Touristen und Gäste als Kunden gewinnen möchte.
Anspruchsvolle Reisende suchen nicht nur schöne Landschaften und saubere Bettwäsche, sondern ein nur genau hier erlebbares „Mehr“. Hervorragende Architektur gilt vielen Gästen als Indiz der erwarteten Gastkultur: Vom ebenso authentisch wie bodenständig, aber mit hoher Qualität restaurierten Denkmal über das Traditionshaus mit dem sorgsam weiterentwickelten Flair bis zum kompromisslos modernen Gourmetrestaurant.

Neue Tische – neue Betten, Frühlingstagung im Mai
Folgerichtig planen die Architektenkammer Rheinland-Pfalz und der DEHOGA gemeinsam mit dem Ministerium für Wirtschaft, Klimaschutz, Energie und Landesplanung Rheinland-Pfalz und in Kooperation mit einigen weiteren Partnern für den 5. Mai 2015 in Mainz ein erstes Symposium „Tourismus und Architektur“. Unter dem Titel „Neue Tische – neue Betten“ geht es ebenfalls international zu. Das Symposium zeigt gute Beispiele und wie Touristiker und Architekten sie gemeinsam entwickeln konnten. Es versammelt Experten und lädt all die, die längst schon ahnen, was nötig wäre, oder in den kommenden Jahren vor Veränderungen stehen, zum Gespräch und zum fachlichen Austausch ein.
Mehr unter www.tourismusundarchitektur.de

Annette Müller,
Geschäftsführerin
Architekten­kammer Rheinland-Pfalz