Während der klassische Weinabsatz zunehmend unter Druck gerät, entwickelt sich der Weintourismus zu einem wichtigen Zukunftsfaktor für die Weinbranche. Daher war der Weintourismus auch Schwerpunkt des diesjährigen Weingipfels des Branchenverbandes Deutschschweizer Wein (BDW)in Osterfingen.
Ungenutztes Wachstumspotenzial
„Die Weinbranche steht vor großen Herausforderungen“, betonte BDW-Präsident Martin Wiederkehr. Der weltweite Weinkonsum ist bis ins Jahr 2024 auf den niedrigsten Stand seit 1961 gesunken. Der Weintourismus stellt hingegen eine stabile, weniger konjunkturabhängige Einkommensquelle dar und hat sich in den letzten 20 Jahren von einem Nischenprodukt zum globalen Wachstumsmarkt entwickelt. Kulinarische Erlebnisse, authentische Regionalprodukte, nachhaltige Reiseformen und Kundenkommunikation gewinnen zunehmend an Bedeutung.
Internationale Studien belegen, dass der Weintourismus auf einem Weingut im Durchschnitt 20 bis 35 % vom Gesamtumsatz generieren kann. In der Schweiz wird dieser Umsatz lediglich auf 5 bis 12 % geschätzt.
„Der Weintourismus ist für die Schweiz eine wirtschaftliche Notwendigkeit“, betonte Wiederkehr und bemerkte, dass Österreich mit dem Weintourismus jährlich rund 1,4 Mrd. Euro Umsatz macht. Setzt man diese Relation in Bezug auf die wirtschaftliche Struktur, die touristische Nachfrage und die Kaufkraft der Schweiz, ergibt sich ein realistisches Potenzial von etwa 600 bis 900 Mio. Schweizer Franken pro Jahr, das derzeit jedoch lediglich bei 120 bis 180 Mio. Franken liegt. Daraus ergibt sich ein ungenutztes Wachstumspotenzial um den Faktor vier bis sechs.
Wiederkehr berichtete, dass die Schweizer Weingüter jährlich im Schnitt zwischen 8.000 und 15.000 Franken aus weintouristischen Aktivitäten erzielen, wobei 30.000 bis 80.000 Franken möglich wären. Die Kosten für professionelle Weintourismusangebote in den Betrieben liegen allerdings zwischen 30.000 und 120.000 Franken.
Das Blauburgunderland weintouristisch vernetzt
„Im Kanton Schaffhausen spannen Wein- und Tourismusbranche schon lange zusammen“, betonte Beat Hedinger, Geschäftsführer vom Branchenverband Schaffhauser Wein und bis zum letzten Jahr auch Direktor von Schaffhauserland Tourismus. Weniger erfolgreichen Weinbaukantonen riet Hedinger, zwingend auch Kooperationen mit Politik und Organisationen einzugehen, da sonst die Grundlage für nachhaltigen Erfolg fehle.
Als Positivbeispiel hob Hedinger das Weinfasshotel Rüedi in Trasadingen hervor. Nachdem der direkte Weinabsatz immer schwieriger wurde, sind die Betreiber schon vor 30 Jahren in die Gästebewirtung eingestiegen. Im Jahr 2002 gab es die ersten Matratzenlager in alten Weinfässern und zehn Jahre später wurde im Dorfzentrum das „WeinFassHotel“ eröffnet. Der Betrieb wurde mit drei Rebhäuschen, Whirlpool, E-Bike Verleih und Weindegustationen erweitert. Das Übernachtungsangebot umfasst mittlerweile 32 Betten in Weinfässern und sechs Betten in den Rebhäuschen.
Hedinger stellte zudem zwei Weinwanderwegeprojekte in Hallau und Stein am Rhein vor, die in Zusammenarbeit mit dem Regionalen Naturpark Schaffhausen realisiert werden. Die Kosten für beide Weinwanderwege belaufen sich auf rund 430.000 Franken, wobei es für die Finanzierung wiederum Kooperationen mit Organisationen, Stiftungen und Sponsoren brauche. Thomas Güntert